Es war, wie in die tiefste Tiefe der Welt einzutauchen, nur andersherum. Allumfassende Dunkelheit schloss ihn ein. Tausend Pfeile durchbohrten ihn. Inar, was war das? Davon hatte Grazia nichts erzählt! Wenigstens sah er das Licht, zuckend schloss es ihn ein, und was ihn umgab, fühlte sich wie Wasser an. Aber diese Kälte … sie war wie ein riesiger Stein, der ihn zermalmen wollte, die Dunkelheit wie der Weg ins Totenreich. Grazias Erzählungen nach sollte er längst den Lichtschimmer der anderen Welt über der Wasseroberfläche sehen können. Hielten ihn die Götter zurück? Bestraften sie ihn doch noch für seine Taten?

Es drängte ihn, Luft zu holen, aber er wusste, das wäre wirklich sein Tod. Falls er nicht ohnehin längst dorthin gezogen wurde, wo Hinarsya auf ihn wartete, um ihn vielarmig zu umfangen und in die Augen zu schauen. Er glaubte ihren Mund zu sehen, wie er sich öffnete und die Worte formte, die jeder Mensch fürchtete. Und wie jeden Menschen würde sie ihn mit den Händen zu einem winzigen Wesen zusammendrücken und die vier Seelendämonen – die Habgier, den Zorn, Hochmut und Gleichgültigkeit – herauspressen, während sie den Richtspruch aus ihrem schönen Mund donnern ließ, sodass die ganze Unterwelt aufhorchte. Dies würde Nihar wecken, den Erdgott, den zweiten Richter, die letzte Hoffnung für die Seele. Er deckte die allerletzten, tief verborgenen Geheimnisse im Herzen eines Menschen auf …

Anschars Kopf stieß gegen ein Hindernis. Seine Finger kratzten an einer glatten, noch kälteren Oberfläche: eine durchscheinende Platte, hinter der es um eine Winzigkeit heller war. Jäh begriff er, dass dahinter Grazias Welt lag und es Nacht war. Er drückte gegen das Hindernis, es gab nach, doch er konnte es nicht anheben. Sein Körper bebte wie unter Hieben, als er dem Drang, zu atmen, irgendwie Herr zu werden versuchte. Da fand seine linke Hand eine Öffnung. Luft, so kalt wie alles hier, strich über seine Haut. Er suchte sich an der Kante der Platte festzuhalten, doch sie splitterte unter seinem Griff. Sein Kopf geriet außer Wasser. Schreiend holte er Atem.

Ihm war, als zerre Hinarsya an seinen Füßen, um ihn wieder hinabzuziehen. Oder war es die Kraft des Tores? Neben sich sah er etwas aufragen.

Der Steg! Er warf die Arme hoch, bekam das Holz zu fassen. Mit einem Schrei entzog er sich dem Griff der Göttin und wuchtete sich auf die knarrenden Bretter. Schwer atmend blieb er liegen, das Gesicht auf dem Holz. Aber schon im nächsten Moment begann er zu zittern. Wild schlug sein Herz gegen den Hals. Es war die Kälte. Eben noch die Hitze Temenons, jetzt dies … Fast war er versucht, zurück ins Wasser zu springen, um wieder in angenehmere Gefilde zu gelangen. Er starrte über den Rand. Das Tor war noch da, es leuchtete schwach. Ein schimmernder, pulsierender Kreis. Ein rötlicher Punkt tauchte auf, schien aber nicht aus der Tiefe zu kommen, sondern sich im Wasser zu spiegeln. Ein Knall ertönte, und er zersprang in unzählige Einzelteile.

Anschar blickte über die Schulter. Sterne stiegen in den nachtschwarzen Himmel. Sie zogen schlangengleiche Schweife hinter sich her, barsten knallend und verwandelten sich in glitzernde, farbige Wolken. Die Kraft, sein Entsetzen herauszuschreien, fehlte ihm, aber er schaffte es, auf die Füße zu springen. Er hastete über den Steg und tauchte in die Schwärze von Büschen und Bäumen ein. In ihrem Schutz beobachtete er das eigenartige Himmelsschauspiel. Im Licht der fallenden Sterne sah er das Meer. Das Meer! Es war groß, aber … nein, dies war ein Fluss, erinnerte er sich. Es war die Havel, von deren gegenüberliegender Seite die Sterne aufzusteigen schienen. Er fragte sich, ob dort der eine Gott dieser Welt irgendein Spiel trieb oder ihn verscheuchen wollte. Aber die Lichter näherten sich nicht.

Er rief sich in Erinnerung, was er über die andere Seite des Tores wusste. Ganz hier in der Nähe musste das Grab seiner Mutter gewesen sein, das Henon für sie ausgehoben hatte. Und ein Weg, der zu einer Stelle führte, wo Schiffe anlandeten. Dahinter begann die Stadt.

War es nicht besser, zurückzukehren und erneut durchs Tor zu gehen, in der Hoffnung, einen wärmeren Tag zu erwischen? Er schlang die Arme um die nassen Schultern. Nein, solange das Tor offen war, würde in seiner Welt viel Zeit vergehen, hier aber nach wie vor Winter sein. Allein der Gedanke, diese Tortur zu wiederholen und beim nächsten Versuch vielleicht doch zu sterben, schreckte ihn. Er war jetzt hier; also würde er Grazia suchen. Die Lichter, die noch immer in den Himmel aufstiegen und zu herabsegelnden Punkten und Fäden zerbarsten, erhellten ein wenig seine Schritte. Ihr Lärmen störte ihn, aber er hielt sie nicht mehr für bedrohlich.

Er fand einen Weg und wählte eine Richtung. Grazia hatte von einer wasserspeienden Säule erzählt, der Fontäne, die er auch bald erspähte. Doch statt des Wassers ertastete er im Becken eine harte Fläche. Nun begriff er, dass das Hindernis im Fluss Eis gewesen war. Das gab es auch tief in den Kellern des Palastes von Argadye, wenn die Winter alle paar Jahrzehnte besonders kalt waren. Schwach konnte er sich daran erinnern, als Junge in den Kühlbecken eine solche Schicht vorgefunden zu haben, jedoch war sie hauchzart gewesen und gerissen, als er sie berührt hatte. Gemocht hatte er die Kälte an seinen Fingern damals schon nicht; und nun fühlte er sich davon eingehüllt wie von tausend Klauen, die an ihm zerrten, in seine Nasenlöcher stachen und ihm die Haut abziehen wollten.
Er hastete weiter. Unwillkürlich spähte er in die Büsche. Aber jetzt in der Nacht würde er nicht das Glück haben, einen der Königsvögel zu sehen; er sah ohnehin nur einige Schritte weit und immer wieder links des Weges den Fluss. Um wie vieles größer er doch als der Nil war! So gewaltig stellte er sich das Meer vor. Jeden unnützen Gedanken hielt er fest, um sich davon abzulenken, dass zu frieren sich wie Sterben anfühlte. Hinter der kahlen Vegetation erhob sich ein fahlweißes Gebäude, auf das er zuhielt und es umrundete. Ein Tor schien ins Innere zu führen, doch es war eine Täuschung; als er davor stand, ertastete er nur bemaltes Mauerwerk. Dann fand er Stufen, die zu einer echten Tür führten. Er schlug gegen das Holz, doch niemand öffnete. Es überraschte ihn nicht. Nach allem, was er über die Preußen wusste, war es kein Menschenschlag, der nachts einen Mann, der noch dazu nichts am Leib trug, ins Haus ließ.

Aber da waren noch andere Häuser. Eines davon, niedrig und lang, mit einem keilförmigen Dach, fand er ebenfalls still und verschlossen vor. Er fand einen Stein, mit dem er eines der gläsernen Fenster einschlug.

Ob er etwas Verbotenes tat, jemanden aufschreckte oder sich selbst in Gefahr begab – es war ihm alles gleich, solange er nur Schutz vor der Kälte fand. Aber es schien niemand hier zu sein. Er stolperte durch mehrere Räume und tastete sich an Möbeln entlang. Allerlei Dinge fielen unter seinen zittrigen Händen zu Boden. Mochte für die Preußen diese Witterung selbstverständlich sein, für einen Argaden war es, als zöge man ihn ins Totenreich hinab, und er war sich sicher, dass das geschehen würde, wenn er nicht wenigstens eine Decke oder trockene Kleider fand.

Da berührte er einen vertrauten Gegenstand.

Fast wäre ihm der winzige Feuerholzbehälter entglitten. Mühsam fingerte er eines der Hölzchen heraus, tastete nach der Zündfläche und zog es darüber. Es kostete einige Versuche, bis er endlich ein brennendes Holz hochhielt. Rasch sah er sich um. Eine schmale Pritsche mit einem bräunlichen Laken, ein wuchtiger Tisch, von dem er Papiere, Stifte und anderes heruntergefegt hatte. Ein gepolsterter Stuhl, auf dem eine Decke lag. Ein rundes Ding aus schwarzem Metall, dessen Zweck ihm unbekannt war. Daneben gestapeltes Holz.

Eine Ewigkeit schien zu verstreichen, bis er in einem metallenen Eimer ein Feuer entzündet hatte. Als es geschafft war, hockte er sich, die Decke um sich geschlungen, auf die Pritsche. Allmählich ließ das Beben, das die ganze Zeit wie von Hammerschlägen durch seinen Körper geflossen war, nach. Kalt war es immer noch. Sein Atem kam als Nebel aus seinem Mund. Seine Füße, die ihm während des Weges wie abgestorben erschienen waren, glühten. Und er verspürte Durst, aber hier gab es nichts, dem abzuhelfen. Es kam ihm wahnwitzig vor, hier in dieser seltsamen Welt zu sein, ohne ausreichendes Wissen, wie man sich darin bewegte. Allein!
Aber dann sagte er sich, dass die Dinge nachts immer doppelt schwer wogen. Am Tage, wenn es weniger kalt war, wenn er sehen konnte, was dort draußen vor sich ging, sähe die Sache sicherlich anders aus. Irgendwie würde er den Fluss überwinden und sich dann zu Grazia durchfragen. Oder zu ihrem Vater. Mochte er der Sprache kaum mächtig sein, er kannte ihre Namen. Er musste den Preußen nur zeigen, dass er friedfertig war – den Fehler, sich unbotmäßig zu verhalten, wie er es in Temenon getan hatte, würde er nicht wiederholen.

 

 

Die ganze Nacht hindurch nickte Anschar ein, nur um immer wieder vom Zittern seines Körpers geweckt zu werden. Als der Morgen graute, war ihm, als habe er eine ganze Woche nicht geschlafen. Er lauschte, ob die Erde noch immer Sterne in den Himmel spuckte, aber es war totenstill.

Das Feuer war verloschen. Er schälte sich aus der Decke. Das Laken teilte er in zwei Hälften; die eine knotete er sich um die Hüfte, um wenigstens seine Blöße zu bedecken, die andere riss er in Streifen und umwickelte damit seine Füße. Nun fühlte er sich etwas besser. Aus einer Papierumhüllung auf dem Tisch schaute etwas heraus, das er erst als Brot erkannte, als er hineinbiss. Ein gelber Belag klebte dazwischen, hart und trocken, es mochte Käse sein. Er aß das Brot bis auf ein kleines Stück, das er in das Papier wickelte und zwischen Bauch und Laken klemmte. Nun noch ein wenig Wasser am Fluss trinken. Als er nach der Decke griff, um sie sich um die Schultern zu werfen, hörte er Schritte auf dem Kiesweg. Eilige Schritte – dass es drei Männer waren, wusste er, noch bevor der erste in den Raum stapfte.

Er sollte erleichtert sein, auf jemanden zu treffen, doch er fühlte sich wie ein Tier in der Falle. Er wich einige Schritte zurück. Schlagartig endete das Beben seines Körpers; unwillkürlich krallten sich seine Hände an den Seiten, als suchten sie eine Waffe.

Zwei Krieger des Königs stapften herein, das erkannte er an ihren gekrümmten Schwertern in den Gürteln und den Helmen, auf denen metallene Spitzen, Pfeilspitzen ähnlich, nach oben ragten. Solche Kopfbedeckungen hatte er in Grazias Büchern gesehen. Beide trugen dicke Mäntel, um die er sie sofort beneidete. Ihre dichten Oberlippenbärte erinnerten ihn an Friedrich, jenen Mann, an den Grazia einstmals gebunden gewesen war. Die Krieger wirkten einigermaßen überrascht. Sie musterten ihn lange, wobei sie seiner Tätowierung besondere Aufmerksamkeit schenkten. Das taten gewöhnlich auch die Argaden, jedoch sprach aus den Blicken dieser Männer keine Bewunderung.

Der Dritte, ein alter Mann, deutete auf ihn, fuchelte mit den Armen und stieß erboste Laute aus, während er, von ihren Rücken geschützt, an die Wand zurückwich. Hinter ihnen reckte er den Kopf. Er war ängstlich.

Anschar streckte die Handflächen vor. Ich bedaure es, dachte er, in dein Haus getreten zu sein, aber ich hatte keine Wahl … Nicht ansatzweise vermochte er dies in ihrer Sprache wiederzugeben. Er musste schweigen.

Die beiden anderen wechselten einige Worte, wobei sie ihn nicht aus den Augen ließen. Anschar lauschte angestrengt. Der Klang der Sprache, all dies Gezische und Gekeckere, war ihm von Grazia vertraut. Hätte er geahnt, was auf ihn zukam, so hätte er beizeiten mehr gelernt als die wenigen Brocken, die bei seinen Bemühungen, sie das Argadische zu lehren, abgefallen waren. Deutlich hörte er jede Silbe, jeden Laut, aber die Bedeutung blieb ihm fremd.

Einbruchsachbeschädigunglandstreichereidakommtwaszusammen.

Einer der Krieger baute sich vor ihm auf. Obwohl er einen halben Kopf kleiner war, zeigte er keine Furcht. „Mitkommen!“

„Ich will … Grazia Zimmermann“, brachte Anschar endlich zustande.

Der Behelmte runzelte nur die Stirn, murmelte einige Worte und zog aus seinem Gürtel einen Stock. Anschar musste sich beherrschen, ihn nicht finster anzustarren. Der Stock war schwarz, glatt und mit einer Schlaufe versehen, an der der Preuße ihn scheinbar achtlos hängen ließ. Jedem blickte Anschar ins Gesicht. Sie begriffen nicht, dass er bereit war, sich ihnen anzuvertrauen. Schweren Herzens sah er sich zu der einzigen Geste gezwungen, die man überall verstand. Er ging vor ihm auf die Knie und neigte den Kopf.

Auch das war falsch. Er merkte es an ihrer stillen Verblüffung. Nur sein Atem war zu hören, der schwer kam, weil es ihm unerträglich war, sich vor anderen als dem Meya so zu demütigen. Inar, flehte er, lass es nicht umsonst sein.

Die gerundete Spitze des Stockes drückte gegen seinen Hals und hob prüfend die Heria an. Wieder wechselten die Männer Worte.

„Aufstehen!“, bellte es über ihm.

Ein Wortschwall ergoss sich auf sein Haupt, zugleich führte der Mann seine Hände aneinander, als wolle er zeigen, was er von ihm erwartete. Dann langte er in eine Tasche seines Mantels und zog eine metallisch klirrende Gerätschaft hervor. Ihr Zweck war unzweifelhaft, Hände zu fesseln. Mittlerweile hatte sich der zweite Behelmte genähert; er wollte mit seinem Stock hinter Anschar treten. Anschar griff nach dem Schwert des Ersten, riss es im Aufspringen heraus, stürzte zwischen ihnen hindurch und drehte sich um, die Waffe vorgestreckt.

Ist sie nicht viel zu schmal?, schoss es ihm durch einen Winkel seines Kopfes. Nein, diese gekrümmte Klinge bestand aus Eisen, sie würde nicht brechen. Er war in Grazias wundersamer, eiserner Welt.