Komm herein.“ Imperia neigte sich vor. Ihre Hand glitt unter sein Hemd und berührte die Innenseite seines Schenkels an der schmalen Stelle, wo weder Beinkleid noch Bruche sie bedeckten. Die Huren und Mägde lachten anzüglich. Hier wusste jeder, dass er das Bett seiner Herrin geteilt hatte; er war nicht irgendein Knecht. Vor nicht allzu langer Zeit hätte er sich vielleicht hinreißen lassen, Imperia hier vor aller Augen zu nehmen. Wie viel konnte er trinken, dass er es nicht doch noch tat? Er setzte sich auf den Rand des Zubers und stellte einen Fuß darauf.
„Zieht Euch aus!“, rief die stockbetrunkene Agnes. Martin schüttelte den Kopf und lachte, als Imperias Hände sich um seine Unterschenkel legten und das Beinkleid hinaufschoben.
„Was ist denn das?“ Sie strich über eine Narbe, die sich von seiner Wade bis zur Kniekehle hinaufwand. „Die kenne ich ja gar nicht.“
„Das sieht nach dem Hieb einer Streitaxt aus.“ Wolkenstein hob die Laute und spreizte seine Oberschenkel, wo an der Innenseite eine ähnliche Narbe verlief. „Das jedenfalls war eine, anno 1401 in der Schlacht von Brescia. Schon damals konnten sich die Herzöge von Österreich nicht im Sattel halten. Ich sah von weitem, wie er vom Pferd fiel und gefangen genommen wurde, war etwas unaufmerksam und – naja.“
„Nein, nein.“ Martin zerrte das Hosenbein noch ein Stück höher und zeigte einen kleinen Wulst. „Das war eine Streitaxt. Allerdings konnte man das kaum eine Schlacht nennen, es war eines der vielen Scharmützel rund um eine der Heidenfahrten des deutschen Ritterordens. Als Knappe im Gefolge meines Herrn war ich fast bis nach Wilna gelangt.“
„Oh, da war ich auch. Scheußliche Gegend. Alles voller Heiden. Seht her.“ Nun legte Wolkenstein die Laute auf das Brett im Zuber, um einen Ärmel seines Unterhemdes hochzukrempeln, bis eine kreisförmige Narbe auftauchte. „Das war ein Pfeil dieser Götzenanbeter. Sie hatten es sich redlich verdient, dass die Ritterorden andauernd über sie herfielen. Aber damit ist’s seit Grünwald ja vorbei.“
„Das soll eine Pfeilwunde sein?“ Seinerseits schob Martin einen Ärmel hoch. Die runde Narbe auf der Innenseite seines Oberarms war um einiges größer und schrundiger. „So sieht das aus, wenn man es mit Brandpfeilen von Piraten zu tun hat. Das passierte während meiner ersten Pilgerfahrt mitten auf dem Meer. Es hätte nicht viel gefehlt und das Schiff wäre untergegangen. Und hier“, er drehte den Arm. „Dahin hat sich das Brandeisen des Baders verirrt.“
Der Tiroler schlug sich auf die Schenkel. Er hatte ein tiefes, heiseres Lachen, das so gar nicht zu seiner volltönenden Stimme passte. „Wohl dem, der Weinfässer auf seinem Schiff hat! Mir ging doch tatsächlich einmal auf dem Schwarzen Meer ein Handelsschiff unter; leider befand ich mich darauf. Ich klammerte mich an ein Fass voll guten Malvasiers und trieb dank Gottes Gnade recht schnell an die Küste. Es waren schlimme Stunden – so viel ungenießbares Wasser um mich herum, und unerreichbar im Fass der gute Wein! An der Küste dann geschah dies.“ Er hob das Hemd an, bis sein üppiger Bauch zum Vorschein kam. „Verfluchte Heiden waren das.“ Sein Finger glitt über eine dicke weiße Linie.
Martin drehte sich um, zog das Hemd hoch und seine Bruche ein Stück herunter. „Hier auf dem Hintern hab ich das Andenken an ein heidnisches Krummschwert. Es geschah auf meiner zweiten Pilgerfahrt. Ich wurde irgendwo im Hinterland gefangen genommen.“
„Ihr habt das Hinterland von Jerusalem betreten? Erstaunlich, dass Ihr das gewagt habt. Dazu hängt man doch zu sehr am eigenen Leben.“
Martin ließ das Hemd fallen und drehte sich wieder um. „Nicht immer. Ich war an einen Zaun angekettet. Es war kaum auszuhalten, tagsüber brannte die Sonne auf den nackten Körper, nachts fror ich mir die Füße ab. Bevor mir ganz die Kräfte schwanden, hab ich nachts den Wärter herangelockt, mit der Kette erwürgt und den Schlüssel an mich genommen. Das Aufschließen der Kette war noch recht einfach, das Klettern über den Zaun nicht. Er klapperte wie verrückt. Ein anderer Wärter bemerkte es und setzte mir nach. Er war zum Glück so unvorsichtig, es mit mir allein aufnehmen zu wollen. Ich war nach all diesen Tagen der Gefangenschaft ja auch eine schwache Beute. Aber wie es so ist, wenn einem der Tod ins Auge blickt – plötzlich kann einen niemand aufhalten. Erst rannte ich weg, und er erwischte mich an der Hinterbacke mit seinem merkwürdigen Schwert. Ich fiel hin, er warf sich über mich. Wie ich ihn dann besiegte, weiß ich nicht mehr so genau. Jedenfalls blieb er liegen und ich war bewaffnet. Aber ich habe dieses Ding auf meiner Flucht noch oft verflucht und mir stattdessen ein gutes Schwert herbeigewünscht.“
Martin wartete, mit hochgekrempeltem Beinkleid und den Händen an den Seiten. Wolkenstein lehnte sich zurück, als überlege er, womit er das überbieten könne.
„Als Geschichtenerzähler seid Ihr nicht schlecht, Herr Ritter“, sagte er mit einem wissenden Lächeln. „Jetzt könnte ich nur noch mein zerstörtes Auge in die Waagschale werfen, und Ihr werdet mit Eurer Hand kontern. Und damit schlagt Ihr mich in diesem Wettstreit, denn mein übriges Auge sieht so gut wie zwei.“ Er griff nach der Laute und ließ mit allen fünf Fingern die Saiten aufklingen. „Es sei denn, wir greifen tief in unser Inneres, um unser Spiel fortzusetzen, denn die menschliche Seele ist vernarbter als der Körper, der sie beherbergt. Aber ob mir das den Sieg bringt? Gestern sah ich, wie ein Mann in Ketten durch die Stadt geführt wurde. Es war, wie ich so hörte, ein Studienkollege des Ketzers gewesen. Er habe damals in Oxford die Schriften des Wyclif in seine Tasche gepackt und nach Prag getragen, wo Hus sie las und somit das ganze Drama seinen Lauf nahm. Hieronymus hieß er, glaube ich. Ein Mann von meiner Statur, aber gebeugt vom Gewicht der Ketten. Was könnte so einer wohl erzählen?“
Er stand auf. Halbnackt, nur mit seinem Hemd bekleidet, das ihm gerade bis zu den Oberschenkeln reichte, begann er vor dem Zuber auf- und abzugehen.
„Die Damen gieren nach Ritterromanen und Gedichten, in denen die Helden die Drachen besiegen. Aber was ist schon ein feuerspeiender Drache oder ein Lanzenkampf gegen die Musik? Nein, lasst uns das Spiel beenden und lieber die Saiten sprechen.“ Er unterstrich seine Worte, indem er die Laute schlug. „Was wir heute hier begießen, ist mein Abschied. Der König hat sich davon überzeugt, dass Imperia die göttlichste aller dienstbaren Frauen ist. Meine Aufgabe ist somit erfüllt; er schickt mich morgen schon fort. All die hübschen Weiber hier, ich werde sie vermissen.“ Jeder einzelnen sah er in die Augen, als habe er sie alle auf dem Lager gehabt. Einige lachten, andere erröteten. Auf Imperia ruhte sein Blick am längsten. Dann trat er zu Martin und reichte ihm die Laute. Martin neigte dankend den Kopf. Es war ein Geschenk; dies zu wissen, waren keine Worte nötig. Wolkenstein setzte sich wieder, legte den Arm auf den Rand des Zubers und ließ ihn sich von Imperia kraulen. Martin wusste nicht, was ihn da überkam, jetzt ein Lied anzustimmen. Er stellte den Fuß auf einen Hocker, stützte das Instrument auf den Schenkel und begann zu spielen.